Das Meer der Männer

© carolyn drake

Während meines vierjährigen Aufenthalts in der Türkei bin ich nur einmal ins Stadion gegangen, um ein Fußballspiel – Liverpool gegen Besiktas – anzuschauen. Eigentlich war es das einzige Spiel, bei dem ich im Stadion war. Ich kann mich erinnern, wie ich mich von dem zunehmenden Zorn der Menge ganz erdrückt fühlte. Um eine solche Erfahrung zu überleben, muss man sich freiwillig dem Wahnsinn der Menge überlassen. Während der Zeit, die ich dort verbracht habe, habe ich aber dagegen angekämpft; ich habe versucht, meine Ruhe zu bewahren und mir gewünscht, ich hätte Ohrstöpsel dabei.

Es stellte sich heraus, dass es kein leichtes Motiv war. Die Sitze in den Tribünen waren so eng besetzt, dass es für mich als Fotograf nicht möglich war, mich zwischen die Fußballfans zu stellen, um in das Meer der Gesänge einzudringen. Heimlich war ich dankbar dafür. Ich habe viel Zeit an den oberen Rändern verbracht und das Spiel von den entfernten oberen Ecken des Stadiums aus angeschaut, wo es immer mal einen oder zwei freie Plätze gab; oder vom Pressezentrum aus, wo ich auf die Absperrung zwischen Fans und Spielfeld klettern konnte, um die Menge von außen zu beobachten.

An meinem letzten Tag habe ich auf den Amateur-Fußballplätzen an den Rändern des Bosporus Fotos gemacht. Es fühlte sich an, als würde ich eine ganz neue Geschichte anfangen. Es gab keine Zeichen dieser Grausamkeit und des übertriebenen Glaubenseifers, die die professionellen Spiele begleiten. Das war der dringend nötige Ausstieg aus den überfüllten Räumen und Straßen voller Chaos dieser überwältigenden Stadt, die Möglichkeit mit dem Wind zu laufen, zu schwitzen, zu spielen und außer Atem zu kommen. Statt an den Rändern herumzuwerkeln und zu warten, hätte ich gerne meinen Apparat zur Seite gelegt und mit den Spielern mitrennen.

 

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